Tsolife/besser treffen
From Travelling School of Life
"Besser Treffen" - ein Text von Peter Wolf
Grundidee
Zur Frage, wie Sitzungen und Treffen die Chancen auf ein schöneres Leben erhöhen Ziel dieses Textes ist es, emanzipatorischen – also herrschaftskritisch wirkenden – Arbeitszusammen- hängen eine Handreichung für eine schöne, produktive und selbstorganisierte Arbeitsstruktur und –kultur zu geben. Die Basisargumentation dabei lautet:
1. Die Stärken der jeweiligen Vielfältigkeiten sind unbedingt zu nutzen. 2. Vertikale Strukturen sind zwingend in horizontale zu überführen. 3. Am wichtigsten ist die Frage, welche Haltungen zueinander eingenommen werden. 4. Methoden richtig zu nutzen, erleichtert erfolgreiches Zusammenarbeiten.
Der Text ist im Wesentlichen Ergebnis und Zusammenfassung langjähriger Praxiserfahrung. Inhalt:
A) Haltung zueinander B) Im Vorfeld der Treffen C) Allgemeine Hinweise zur Durchführung eines Treffens (Teilhabemöglichkeiten, Kritikfähigkeit u.a.) D) Ablauf von Treffen – Tagesordnung E) Aufgaben von Moderation bzw. Redeleitung F) Aufgaben aller TeilnehmerInnen
A) Haltung zueinander
Über die folgenden Hinweise für die Gestaltung von Treffen hinaus gibt es sicher viele weitere wichtige Empfehlungen. Am wichtigsten für angenehme und produktive Sitzungsabläufe sind jedoch keine Tipps, sondern die ein- genommene Haltung der Teilnehmenden zueinander. Ist diese geprägt durch Respekt, Wertschätzung, Kommunikation auf gleicher Augenhöhe und den Versuch, sich in die Anderen hineinzuversetzen, so lässt sich letztlich wenig falsch machen.
Ich selbst bevorzuge dafür das Bild einer „Haltung der Freundschaft“. Freundschaft ist dabei allerdings
nicht im Sinne des bürgerlichen Begriffsverständnisses gemeint, sondern geht über dessen exklusives und
personalisiertes Konzept deutlich hinaus.
In einem Lied von Brecht/Eisler heißt es: „Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum hat er Stiefel im
Gesicht nicht gern, er will unter sich keinen Sklaven sehen und über sich keinen Herrn“. Selbstorganisierte
Zusammenhänge sind solche, die Hierarchien ausmachen – im doppelten Sinne (einerseits „erkennen“ und
andererseits „ausschalten“).
Alle Teilnehmenden haben etwas mitzuteilen, haben Erfahrungen, Kenntnisse oder Fertigkeiten. Nur eine
weit gehend herrschaftsfreie Diskussion ermöglicht die optimale Nutzung aller vorhandenen Kompetenzen.
Damit soziale Situationen möglichst hierarchiefrei sind, ist eine transparente Kommunikation eine
zwingende Voraussetzung. Intransparente Kommunikation lässt sich z.B. an entscheidungsrelevanten
Seitengesprächen erkennen, an Verweisen auf andere unklare Entscheidungsebenen, an nicht allen
zugänglichen Informationen oder daran, dass sich nicht alle trauen, Fragen zu stellen. Transparente
Kommunikation ist jedoch eines der zentralen Mittel, um (formelle und informelle) Hierarchien auszuhebeln
sowie notwendige Voraussetzung, um Selbstorganisation zu ermöglichen.
Alle TeilnehmerInnen an einem Treffen haben eine eigene Weltsicht und Welterkenntnis. Bei allen
sinnvollen Bemühungen um Vereinheitlichung ist zu gewährleisten, die Vielfalt der Anwesenden als eine
wichtige Ressource anzuerkennen. Immer schon war umstritten, ob es „die“ objektive und allgemeingültige
Wahrheit gibt. Letztlich ist es aber egal, ob diese philosophische Position bejaht oder verneint wird, denn
entscheidend für das weitere Miteinander ist immer, was die Einzelnen denken und empfinden.
Dies soll allerdings nicht bedeuteten, dass die Zukunft in allgemeiner Beliebigkeit liegt. Das Streiten über
Analysen des Bestehenden sowie über Strategien und Taktiken, ist wesentlicher Bestandteil emanzipa-
torischer Praxen. Dieses ist notwendig und braucht Zeit. Es ist aber dabei wichtig, immer wieder zu prüfen,
ob für gemeinsames Handeln weitere Vereinheitlichung überhaupt notwendig ist.
Einen weiteren Ausdruck findet die eingenommen Haltung im Umgang mit dem Verhältnis zwischen Ziel-
und Prozessorientierung. Zielorientierung ist wichtig – alle wollen Ergebnisse erreichen. Wird ein Ziel
dabei jedoch auf Kosten eines unangenehmen Entstehungsprozesses erreicht, so bedeutet dieses
spätestens mittelfristig eine Schwächung des Arbeitszusammenhangs. Prozessorientierung, also das
Beachten dessen, ob alle Beteiligten einen Entscheidungs- oder Diskussionsprozess mitgehen können, mag
zunächst mehr Zeit erfordern, erhöht aber mittelfristig die Effizienz. Die Schwierigkeit besteht darin, Ziele
zu erreichen und gleichzeitig den Prozess des Miteinander im Auge zu behalten. Schließlich werden
Zusammenhänge nicht nur durch die Qualität der Argumente, sondern auch durch die Quantität der
Mitwirkenden schlagkräftig. Deswegen ist die Frage „kommen alle mit?“ von zentraler Bedeutung.
B) Im Vorfeld der Treffen
Ein Treffen beginnt nicht erst mit dem konkreten Sitzungsbeginn. Bereits im Vorfeld können verschiedene Faktoren den Ablauf eines Treffens positiv beeinflussen.
Absagen sind wichtig, denn sie vermeiden Unsicherheiten bzw. Irritationen („Was ist denn mit...?“). Sie
sollten möglichst im Vorfeld erfolgen (z.B. wegen möglicher Auswirkungen auf die Tagesordnung),
spätestens jedoch zur Sitzung mitgeteilt werden (um Verzögerungen zu minimieren).
Im Zuge der zu begrüßenden Absicht, Dominanzen zu vermeiden, sind zuvor zusammengestellte
Materialien, die bspw. nicht allen bekannte Sachverhalte zusammenstellen oder bislang bekannte
Argumente zu einem Diskussionsstand zusammenzufassen, etwas aus der Mode gekommen. Solche
Materialien helfen jedoch, Diskussionen zu strukturieren. Hilfreich ist, wenn sie den TeilnehmerInnen vor
dem Treffen zukommen.
Eigentlich unabdingbar sind Vorlagen die eine Veröffentlichung des Arbeitszusammenhangs vor-
bereiten. Auch Ergebniszusammenfassungen aus der Diskussion beauftragter Arbeitsgruppen, sind
sinnvoll als Vorlage einzubringen. Demgegenüber sind aus herrschaftskritischer Sicht solche Vorlagen
problematischer, die eine bestimmte Position parteiisch unterstützen. Solche Vorlagen haben keine
„Lexikonfunktion“, sondern beeinflussen häufig (bewusst oder unbewusst, beabsichtigt oder unbeab-
sichtigt) die Meinungsbildung im Vorfeld.
Aufgrund der investierten Arbeitszeit sind alle Vorlagen auch ein Ausdruck von Wertschätzung der
Vorbereitenden. Vorlagen sollten nach Möglichkeit laut gemeinsam gelesen und Verständnisfragen
gleich geklärt werden.
Sitzordnung und Raumgestaltung – Für Stimmung und Klima ist auch die Gestaltung des Raumes von
Bedeutung. In einem sterilen, hässlichen Raum lässt sich schlechter diskutieren als in einem angenehmen
Raumklima. Noch wichtiger ist die Sitzordnung. Die beste Form ist der Stuhlkreis in dem sich alle
gegenseitig sehen können. Tische erhöhen den Abstand zwischen den Diskutierenden. Für diejenigen,
die etwas aufschreiben wollen, bietet sich an, ein Klemmbrett zu benutzen.
C) Allgemeine Hinweise zur Durchführung eines Treffens
Die folgenden Hinweise sollen dazu beitragen, Treffen möglichst weit gehend hierarchiefrei und (auch insbesondere deswegen) produktiver zu gestalten.
Pünktlich beginnen – Es liegt in der Verantwortung jeder/jedes Einzelnen dieses zu ermöglichen. Dies ist nicht nur eine Frage des Ernstnehmens des Arbeitszusammenhanges sondern vor allem auch Aus- druck von Respekt und Wertschätzung. Kommt etwas anderes Unverschiebbares dazwischen, so ist zumindest dieses transparent zu machen – spätestens beim Erscheinen. Gleiches gilt auch, wenn eineR früher gehen muss. Wichtig ist auch, dass das Treffen pünktlich beendet bzw. zumindest zum verein- barten Schlusspunkt das weitere Verfahren gemeinsam neu bestimmt wird.
Die Teilnahme an unbekannten sozialen Situationen ist oft mit Gefühlen von Unsicherheit oder gar mit
Ängsten verbunden. Um diese zu minimieren sowie um Wertschätzung zu zeigen, ist es gut, eine
Vorstellungsrunde zu Beginn des Treffens durchzuführen. Eine Vorstellungsrunde sollte dabei mehr
umfassen als „Ich heiße X“, aber möglichst vermeiden, möglichst viel Eindruck zu schinden – toll sind
sowieso alle. Sinnvoll hingegen ist, die jeweiligen Erwartungen an das stattfindende Treffen zu formu-
lieren. Jede Vorstellungsrunde kann zudem etwas Neues für alle bringen, wenn eine besondere Frage
(„Letzte Woche fand ich besonders gut, ...“, „Zuletzt im Kino war ich in ...“, „Aus dem Stehgreif wäre
mein Literaturtipp für Euch ...“) – möglichst mit Begründung – in der Runde von allen beantwortet wird.
Visualisierungen erhöhen sowohl Transparenz und damit Partizipationsmöglichkeiten als auch die Fokus-
sierung auf den konkreten Diskussionsgegenstand.
In jedem Fall sollte die Tagesordnung (ausführlicher dazu später) für alle sichtbar sein (Tafel, Wandzeit-
ung, Flipchart etc.). Dies verbessert die Orientierung aller („Wo sind wir gerade? Was kommt noch?“)
und hat positive Effekte auf die „Sitzungsdisziplin“.
Eine weitere sehr sinnvolle (möglichst ebenfalls visualisierte) Einrichtung ist ein Themenspeicher. Hier
werden alle die Diskussionspunkte und Ideen notiert, die in den Sitzungen neu entstehen und einer
eigenständigen ausführlicheren Diskussion bedürfen. Damit wird verhindert, dass (wichtige) Ideen und
Diskussionspunkte vergessen werden. Auch beruhigt die schriftliche Fixierung den/die EinbringerIn und
erhöht damit die Konzentrationsfähigkeit auf den aktuellen TOP. Weiter hilft der Themenspeicher
abschweifende Diskussionen in Grenzen zu halten. Natürlich muss der Themenspeicher protokolliert
werden.
Teilhabefördernde Methoden machen mehr Möglichkeiten möglich. Insbesondere für kleinere Gruppen (< 20) bieten sich z.B. folgende Methoden an: Brainstormings, Kartenfragen, Tuschelrunden, Kleingrup- pen, Blitzlichter (Rundläufe) etc. Bei größeren Gruppen empfehlen sich z.B. open space, fishbowl-diskus- sionen, Kleingruppen, Tuschelrunden.
Dabei sollte beachtet werden, dass Methode „regelhaftes Handeln“ bedeutet. In Rundläufen gilt so
z.B., dass keine neuen Diskussionsbeiträge abgegeben werden und tatsächlich ohne Unterbrechung
eine Person nach der anderen an die Reihe kommt (wobei natürlich in einem Rundlauf nicht zwingend
etwas gesagt werden muss – auch schweigend weitergeben ist eine Position). Nicht methodisch korrekt
verwendete Methoden erzielen oft kontraproduktive Effekte.
Zur Ergebnissicherung ist ein (zeitnahes) Protokoll wichtig. Weiter gilt, Ergebnisse einer Diskussion am
Ende eines TOPs noch einmal zusammenzufassen und die Zustimmung darüber abzufragen. Aufgabe
der protokollierenden Person ist es, darauf zu achten, dass dieses geschieht. Zur Ergebnissicherung
gehört auch, delegierte und übernommene Arbeitsaufträge am Ende eines TOPs deutlich zu benennen
und zu protokollieren. Schließlich hat die protokollierende Person die Aufgabe, die Verteilung des
Protokolls zu gewährleisten.
Bei der Verteilung und Delegation von Arbeitsaufträgen und der Entwicklung von Plänen ist möglichst
eine Kapazitäts- und Motivationstransparenz herzustellen. Dies soll einerseits einem, in linken Zusam-
menhängen durchaus regelhaft vorkommenden, „Verheizen“ vorbeugen und andererseits die Realitäts-
nähe der Planungen erhöhen.
Aus dem guten Vorsatz heraus, möglichst schnell zum Ende zu kommen, werden vielfach Pausen verges-
sen. Dabei wird verkannt, dass Pausen in aller Regel letztlich den Sitzungsablauf beschleunigen, da sie
nicht nur die Konzentrationsfähigkeit erhöhen, sondern auch Gelegenheit geben, Luft abzulassen.
Wichtig dabei ist, dass Pausen nicht „ausfransen“. Pausen sollten gleichzeitig gemacht aber nicht
zwangsläufig gemeinsam verbracht werden.
In Situationen von Konzentrationsmangel oder „dicker Luft“ können darüber hinaus kurze Spiele wach
machen und entspannen. Natürlich gilt, welcheR nicht mag, spielt nicht mit.
In aller Regel werden in politischen Zusammenhängen Emotionen nicht besonders beachtet – schließlich
sind wir cool und durch und durch rational... Dadurch, dass vielfach Emotionen nicht als wichtiger Hin-
weisgeber genutzt werden, bleibt eine wichtige Quelle menschlichen Fortschritts unbeachtet. Emotionen
haben auch in politischen Kontexten eine wichtige Funktion und verweisen z.B. auf bestehende Dissense
oder Prozessstörungen.
Konfliktfähigkeit – Konflikte sind nicht unbedingt angenehm. Dass Konflikte entstehen, ist aber nicht nur
Alltag, sondern auch hilfreich, denn sie können Orte mit höchstem Lernpotenzial sein. Allerdings gilt
dieses nur, wenn es gelingt, diese Konflikte solidarisch und in gegenseitigem Respekt zu bearbeiten.
Störungen (z.B. Unruhe, sichtbare Kränkungen oder Desinteresse bei größeren Teilen der Teilhaben-
den) haben Vorrang vor dem eigentlichen Diskussionsthema. Im Prozess sind sie wertvolle Hinweise
darauf, dass „etwas“ nicht stimmt. Sehr oft ist eine Klärung hier nicht nur sehr lohnend (insbesondere für
das Klima der Zusammenarbeit, aber ebenfalls zur Aufspürung inhaltlicher Differenzen), sondern auch
notwendig, da ohne die Behebung der Störung die Konzentration auf den eigentlichen Diskussionspunkt
geringer ist.
Feedback und Kritik zu geben bzw. zu bekommen, ist nicht leicht, aber essentiell wichtig. Es ist demzu-
folge sinnvoll, zumindest am Ende eines Treffens eine Kritikrunde zu machen. Dabei ist anzuraten, nach
einer solchen Kritikrunde eine Möglichkeit zum Austausch zu gewährleisten, damit Kritisierte sich kurz
erklären oder benannte kritische Wahrnehmungen bestärkt werden können.
Unausgesprochene (insbesondere die von der zu kritisierenden Person dennoch „irgendwie“ bemerkte)
Kritik ist mittel- und längerfristig sehr kontraproduktiv. Misstöne, die eventuell beim Aussprechen der
Kritikpunkte entstehen können, sind demgegenüber in der Regel lediglich kurzfristig unangenehm
Kritik wird meist nur als negative gedacht. Vergessen wird, dass es auch positive Kritik gibt und diese
ebenso wichtig ist. Nicht gemeint ist hier der Unterschied zwischen destruktiver und konstruktiver Kritik.
Negative Kritik bedeutet, zu benennen was stört; positive Kritik bedeutet, zu benennen, was gut ist.
Positive Kritik wird selten und eher als Bestätigung bei wahrgenommenen Selbstzweifeln oder beiläufig
geäußert. Das Annehmen positiver Kritik fällt häufig noch schwerer als negative Kritik. Beim Formulieren
von positiver Kritik ist zu vermeiden, dies in einer „altväterlichen“ Weise zu tun.
Nicht erst seit den Zeiten des neoliberalen „JedeR gegen JedeN“ wird eine geübte negative Kritik von
der kritisierten Person oft als ein Angriff auf die eigene Kompetenz, auf den eigenen kleinen „Standort“
im Krieg aller gegen alle gedeutet. Deswegen mündet das Benennen von Kritikpunkten nicht selten in
einer Aufrechnerei. Verkannt wird dann, dass wir uns (fast) nur durch die Spiegelung anderer selbst
erkennen und weiterentwickeln können.
In ihrer Wirkung ist Kritik beim Kritisierten zumeist abhängig von der wahrgenommenen Wertschätzung der kritisierenden Person und der Kritikfähigkeit der kritisierten Person.
Empfehlungen zum (An-) Nehmen von Kritik
- Setzen lassen, Ruhe bewahren – es ist nicht notwendig, auf eine Kritik sofort zu reagieren. Vor
einer Reaktion empfiehlt es sich, sich ein wenig Zeit zu nehmen und in Ruhe darüber nachzu-
denken.
- Nicht jede Kritik ist richtig und berechtigt, nicht jede Kritik brauche ich mir anzuziehen.
- Weil Kritik zu geben schwierig und unangenehm ist, sollte ich mir verdeutlichen, dass an mir
geübte Kritik ein Zeichen von Wertschätzung ist.
Empfehlungen zum Geben von Kritik
- Wie etwas gesagt wird, ist immer wichtig. Die Lebensweisheit dazu lautet: „Der Ton macht die
Musik“. Für den Fortgang einer Auseinandersetzung ist weniger wichtig, was ich sage, sondern
vor allem, was ankommt.
- Damit mein von mir kritisiertes Gegenüber meine Kritik besser annehmen kann, sollte ich mög-
lichst zunächst meine Wertschätzung verdeutlichen, also etwas Positives an ihr/ihm als Erstes
benennen.
- Meine Kritik ist die von mir wahrgenommene. Verallgemeinerungen sind zu vermeiden. Ein „du
bist so und so“ ist z.B. eine solche. Kritik sollte deswegen als Ich-Botschaft gesendet werden, z.B.
„bei mir kommt das so und so an“. Dies ist keine heuchlerische Relativierung, sondern entspricht
dem Sachverhalt, dass meine Wahrnehmung keine allgemeingültige ist.
- Sinnvoll ist, konkret zu kritisieren. Die Vokabeln „immer“ und „nie“ sind generelle Beziehungs-
killer. Sie sind immer ungerechtfertigt und nie zu verwenden.
- Häufig wird Kritik nicht explizit adressiert, sondern ganz allgemein in die Runde gesagt. Damit
werden aber die Entwicklungspotenziale des Kritisierens relativiert, und häufig verbleibt eine
solche Kritik in einem moralischem Appell verhaftet, ohne den Adressaten/die Adressatin
tatsächlich zu erreichen.
- Bei personalisierter Kritik ist es ein Zeichen guten Umgangs, wenn ich mein kritisiertes Gegen-
über direkt anspreche und direkt anschaue.
Zusammengefasst lässt sich sagen: Kritik ist ein Geschenk! Aber nicht jedes Geschenk braucht mensch
anzunehmen. „Deutlich in der Sache und solidarisch mit der Person“ ist ein guter Leitspruch.
Soziales miteinander nach Treffen bringt nicht nur eine bessere Arbeitskultur miteinander mit sich,
sondern sollte insbesondere auch allen offen stehen. Dieses auch, weil die Motivation in einem polit-
ischen Kontext mitzuarbeiten nicht selten (zunächst) daraus resultiert, ein reicheres soziales Leben zu
leben. Fraktionierungen sind zwar nicht immer zu vermeiden, sie sollten jedoch nach Möglichkeit nicht
direkt im Anschluss an Treffen stattfinden.
Keine Angst vor externer Hilfe – Politische Kontexte sind häufig beratungsresistent. Das schwächt die
politische Schlagkraft. Stattdessen gilt, dass es eben keine Schwäche, sondern im Gegenteil eine Stärke
ist, sich bei Problemen beraten zu lassen. Sinnvoll ist dabei, dass der/die externe BeraterIn nicht direkt
involviert ist, aber mit der generellen Zielstellung des Arbeitszusammenhangs sympathisiert.
D) Ablauf von Treffen – Tagesordnung
Die Tagesordnung (TO) ist das zentrales Mittel den Ablauf von Treffen zu gestalten. Die endgültige Tagesordnung wird erst beim Treffen festgelegt. Es hat sich als sehr hilfreich erwiesen, die Tagesordnung für alle gemeinsam zu visualisieren. Zur Festlegung der Tagesordnung gehört auch eine gemeinsame Festlegung der Reihenfolge der Tagesordnungspunkte und des Zeitrahmens der Treffen. Besonders eine eventuell stattfindende Moderation ist gefordert, die Tagesordnung und die Prioritätenfest- legung im Auge zu behalten und eine Behandlung (d.h. auch eine bewusste Vertagung) aller Tagesord- nungspunkte (TOPs) zu gewährleisten.
Folgende Tagesordnungspunkte sollte eine TO regelhaft beinhalten:
0. Vorstellungsrunde – für den Fall, dass sich nicht alle kennen,
1. Befindlichkeitsrunde – diese soll für alle verdeutlichen, welche Stimmungen bestehen und
welche Belastungen die Anwesenden haben,
2. Protokoll – Klärung, welcheR es heute schreibt (ein Protokoll sollte möglichst zeitnah allen
zugänglich gemacht werden),
3. Zeitrahmen für die heutige Sitzung festlegen. Auch sollten diejenigen, die früher gehen müssen,
dieses an diesem Punkt transparent machen,
5
4. Festlegen der Moderation des nächsten Treffens (für den Fall, dass es eine geben soll). Günstig
ist, wenn die Moderation des nächsten Treffens zugleich die Verantwortlichkeit für eine
vielleicht erfolgende Einladung hat.
5. Protokoll des letzten Treffens (Ergänzungen, Beschlusskontrolle)
6.–X Aktuelle Tagesordnungspunkte (Ergänzungen sammeln und eine Reihenfolge gemeinsam
festlegen)
letzter TOP: Abschluss- oder auch Kritikrunde (was war gut, was war nicht gut)
E) Aufgaben von Moderation bzw. Redeleitung
Gerade bei Zusammenhängen, die einen selbstorganisierten und hierarchiefreieren Anspruch verfolgen, ist zu fragen, ob überhaupt eine Moderation notwendig ist. Eine Moderation ist – ebenso wie ein Protokoll – immer mit einer gewissen Machtposition verbunden. Allerdings zeigt Erfahrung, dass Zusammenhänge häufig eine Phase der Moderationsnotwendigkeit durchlaufen, bevor sie die Moderationsaufgaben als gemeinsame Aufgabe wahrnehmen können.
Eine Moderation sollte die Möglichkeit haben, sich auf ihre Aufgabe vorzubereiten. Dazu gehört auch die
Überlegung, ob es sich anbietet, für einen TOP bestimmte Methoden anzuwenden und dazu entsprech-
ende Materialien zu organisieren. Die Möglichkeit der Methodenauswahl haben natürlich aber auch die
TOP – EinbringerInnen.
Eine Moderation hat immer das Problem, einen Rollenkonflikt zwischen der Moderationsaufgabe und dem
Wunsch nach Teilhabe an der Diskussion auszuhalten. Im Zweifel gilt, dass eine Moderation sich zuguns-
ten des Gesamtprozesses inhaltlich zurückhalten sollte. (In Konfliktmoderationen ist es nie angeraten, dass
sich die Moderation parteilich positioniert, sie sollte stattdessen eine Haltung der Allparteilichkeit
einnehmen.)
Konkret hat eine Moderation folgende Aufgaben:
- Im Vorfeld des Treffens die Einladung gewährleisten. Gerade bei Zusammenhängen mit langen Ab-
ständen zwischen den Treffen bietet es sich an, ca. zwei Wochen vor dem Treffen unter Benennung der bislang bestehenden Tagesordnung einzuladen und um die Ergänzungen mit weiteren TOPs zu bitten. Gut ist dann, zwei Tage vor dem Treffen eine Erinnerung mit der geänderten Tagesordnung zu ver- schicken.
- Beim Treffen den Startpunkt setzen.
- Darauf achten, dass eine Vorstellungsrunde zu Beginn stattfindet, wenn sich nicht alle kennen.
- Wenn welche später dazukommen, diese kurz auf den Stand der Diskussion, des Ablaufs bringen.
- Redeleitung: Die Redeleitung umfasst insbesondere drei Punkte
- Reihenfolge der Redebeiträge beachten – hier bietet es sich aus Entlastungsgründen durchaus
an, eine schriftliche Redeliste zu führen (was auf dem Papier steht, brauche ich nicht im Kopf zu
behalten). Wichtig ist, dass die Redeleitung sich für inhaltliche Diskussionsbeiträge (also in hrer
Rolle als DiskussionsteilnehmerIn) selbst für die anderen sichtbar meldet. Für Redebeiträge in der
Rolle der Moderation bzw. Redeleitung gilt dieses nicht – sie kann unabhängig von der Reihen-
folge eingreifen. Es ist wichtig diesen Unterschied zu beachten, da es eine große Verführung ist,
als Redeleitung (unbewusst) die damit verbundene Machtposition auszunutzen.
Unterschiedliche Menschen unterscheiden sich auch in ihrem Redeverhalten. Es gibt die, die kein
Problem haben vor größeren Gruppen das Wort zu ergreifen, und die, die sich dabei sehr
unwohl fühlen. Es gibt Lang- und Kurzredende, es gibt Dozierende und Fragende. Es gibt die
unterstützend Unterbrechenden und die übernehmenden UnterbrecherInnen.
Noch immer lässt sich im Kommunikationsverhalten tendenziell eine geschlechtsspezifische Unter-
scheidung feststellen. Es ist deswegen angeraten eine nach Geschlecht quotierte Redeliste zu führen.
Auch bietet sich an, „WenigsagerInnen“ abweichend vom Zeitpunkt des Meldens auf der
Redeliste vorzuziehen.
- Redeverhalten der Anwesenden – Alle haben etwas zu sagen und manchmal nicht eben wenig.
Eine ebenso wichtige wie unangenehme Aufgabe der Redeleitung ist es, die Diskussionsdisziplin
der Teilnehmenden zu erhöhen. Wiederholungen, Aus- und Abschweifungen gibt es allerorten,
sind jedoch nicht förderlich. Hier zu intervenieren erfordert Mut, Durchsetzungsvermögen (d.h.
sich beim Unterbrechen nicht unterbrechen lassen) sowie Taktgefühl. Zudem besteht die Gefahr,
dass die Redeleitung sich von eigenen Sympathien oder Antipathien leiten lässt. Sinnvolle Inter-
ventionen können hier sein: „Ich glaube, das Argument ist klar geworden, wolltest Du noch
etwas Weiteres sagen?“; „Lass uns diesen Punkt gleich behandeln und zunächst XY fertig
besprechen, ok?“.
Die Redeleitung hat ansonsten zu gewährleisten, dass alle ausreden können. Gelingt dieses so
gar nicht, ist eine Möglichkeit, einen Redegegenstand (ein Kissen, einen Ball, einen Pflasterstein,
...) zu nutzen. Reden darf nur, welcheR gerade den Redegegenstand im Besitz hat.
Ebenfalls sollte die Moderation auf die Verteilung der Redeanteile achten und diese gegebenen-
falls ansprechen. Reden nur wenige, so hat dieses vielleicht einen thematisierungswürdigen
Grund.
- Aber: nicht hetzen – Aus der Absicht, möglichst fix zum Ergebnis zu kommen, neigen viele dazu,
ein hohes Tempo anzuschlagen. Es gilt jedoch sehr oft, „in der Ruhe liegt die Kraft“. Häufig führt
gerade hohes Tempo zu Verzögerungen.
- MethodenwächterIn – Methoden sind regelgeleitete Handlungen. Wenn sich entschieden wurde, eine
bestimmte Methode einzusetzen, dann ist darauf zu achten, diese auch entsprechend anzuwenden, da sie sonst in das Gegenteil des Beabsichtigten umschlagen können. Störungen im Prozess wahrnehmen und ansprechen. Dafür bietet sich eine „Is’ was“ – Runde an oder auch die direkte Nachfrage.
Rotierende Moderation an bestimmten TOPs – Die Moderation muss nicht zwingend während der
gesamten Tagesordnung in einer Hand liegen. Vielfach bietet es sich eher an, dass sie bei unter-
schiedlichen TOPs von denjenigen übernommen wird, die inhaltlich mehr im Thema stecken.
Inhaltliche Aufgaben der Moderation sind schließlich:
- Einführen in den Gegenstand (Worum geht es? Was ist die Zielsetzung für die Diskussion?
Welche Punkte sind möglicherweise besonders konfliktreich? Was ist der gegenwärtige Stand?)
- Fokussierung – wenn Diskussionen abschweifen, sie erneut auf den eigentlichen Diskussionsstand
zurückführen
- Ergebnissicherung – zusammenfassen und Zustimmung dazu abfragen
F) Aufgaben aller TeilnehmerInnen
Auch die TeilnehmerInnen können natürlich den Sitzungsablauf positiv beeinflussen. Folgende Verhaltens- weisen sind dabei zu empfehlen:
Nicht bluffen lassen und nicht bluffen – Sich bluffen lassen funktioniert so: Ich verstehe in einer Dis-
kussion etwas nicht (ein Wort, einen Verweis o.ä.) und frage nicht nach. Damit möchte ich verhindern,
dass ich für dumm gehalten werde. Natürlich ist gerade dieses Verhalten dumm und schon die Sesam-
straße hat uns beigebracht: „Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt bleibt dumm“.
Auch kann mensch sich in aller Regel sehr sicher sein, dass es mindestens eine weitere Person gibt, die
sich ebenfalls bluffen lässt und sich ebenfalls nicht traut nachzufragen.
Aktiv zu bluffen ist noch größerer Mist. Eine sehr weit verbreitete Form des aktiven Bluffens versteckt
sich häufig hinter Aussagen wie „Fast alle ExpertInnen sagen, dass ...“ oder „Wie in Untersuchungen
nachgewiesen wurde, ist ...“. Auch „Namedropping“ („Mit Abendroth stimme ich dem zu.“) oder
unklare und unerklärtes Theorieverweise zeigen vielleicht, wie klug ich bin, sind jedoch sehr kontra-
produktiv für gemeinsames Arbeiten. Damit ist jedoch nicht gemeint, eine – durchaus sehr wertvolle –
Quellenangabe für Gedachtes zu benennen.
Verständliches Reden in einer einfachen Sprache ist nicht leicht. Da wir aber sehr unterschiedlichen
Sozialisationsbedingungen ausgesetzt waren und sind, sollte dieses Ziel sein. Bei den einen gab es im
Elternhaus massenhaft Bücher, und Konflikte wurden ausdiskutiert. Bei anderen gab es wenige Bücher,
und Diskussionen wurden kaum geführt. Das hat Konsequenzen für eine Zusammenarbeit. Eine elabo-
rierte (d.h. differenziert ausgebildete) Sprache mag sich für die einen gut anfühlen – andere werden
dadurch jedoch ausgegrenzt.
Insgesamt lässt sich sagen, dass Bluffen unter emanzipatorischer Perspektive fatal ist. Neben der Sesam-
straße hat die EZLN (Chiapas/ Mexiko) die emanzipatorische Leitlinie dazu formuliert:
„Fragend schreiten wir voran“.
Spezifische Sprache vermeiden oder immer wieder erklären – In fast allen Zusammenhängen bilden
sich mit der Zeit spezielle Sprachanteile heraus. Schon so mancher „Antirabüti mit Büchern vom Roten
in der Fuzo“ hatte Besetzungsprobleme, weil nicht alle Anwesenden wussten, worum es dabei geht.
Bezug nehmen – Für Diskussionsprozesse ist es hilfreich, wenn ich konkrete Bezüge zu anderen Rede-
beiträgen herstelle und einen eigenen Redebeitrag zurückstelle, wenn er einen neuen Diskussionspunkt
aufmacht, der aktuelle jedoch noch nicht abgeschlossen ist.
Wiederholungen vermeiden, aber Positionen unterstützen – Bereits gesagtes braucht nicht erneut aus-
formuliert werden. Sinnvoll ist es allerdings deutlich zu machen, dass eine Position unterstützt wird.
Dazu reicht ein kurzes „Ich schließe mich x an“.
Redende unterstützen – Es ist nicht leicht zu reden, wenn eineR in ausdruckslose Gesichter blickt.
Augenkontakt oder leichtes Nicken als Zeichen, dass ich verstehe, was die Aussage des Statements ist,
kann hier Abhilfe schaffen.
Moderation unterstützen – Zu moderieren ist keine leichte Aufgabe. Deswegen sollten alle nach Mög-
lichkeit bei der Bewältigung dieser Aufgabe die Moderation unterstützen, was allerdings keinesfalls
darin münden sollte, der Moderation selbige aus der Hand zu nehmen.
Nicht moderationsfixiert reden – Die Machtposition der Moderation führt des öfteren dazu, dass
Redende sich nicht an alle Anwesenden wenden (z.B. den Blick in der Runde herumgehen lassen),
sondern ausschließlich ihr Statement an die Moderation richten. Das stärkt nicht nur die Macht der
Moderation, sondern belastet diese auch.
Kurz fassen – Sicher ist es zuweilen notwendig, für die Entwicklung mancher Gedanken Zeit zu haben.
Dennoch gilt „in der Kürze liegt die Würze“. Ein weiterer Sinnspruch dazu kommt aus der Bildungs-
arbeit. Dort gilt: „Du darfst alles sagen, es sollte jedoch nie fünf Minuten überschreiten“.
Zustimmung signalisieren – Sehr häufig wird nach dem Motto „welcheR schweigt stimmt zu“ beim
Versuch von Moderation oder Diskussionsleitung ein Ergebnis zu formulieren regungslos verharrt.
Sinnvoller ist stattdessen nicht nur Widerspruch, sondern auch Zustimmung zu signalisieren. Ein
erprobtes Mittel ist dabei ein Händewedeln der Zustimmenden.
Um diese Sammlung zu erweitern, bin ich für Hinweise, Anregungen und Kritik dankbar.
peter_wolf@jpberlin.de, juni 2006
Categories: Subject | Help | Translate

